Streuobstsorte des Jahres 2017: “Joiser Einsiedekirsche”

Die Vielfalt in unseren Obstgärten ist bedroht. Mit der „Streuobstsorte des Jahres“ wird eine Sorte stellvertretend für alle gefährdeten Obstarten ins Rampenlicht gerückt.

Die Joiser Einsiedekirsche ist die Botschafterin der Vielfalt für 2017.

Die Joiser Einsiedekirsche ist eine der bekanntesten Kirschsorten in Jois und in den angrenzenden Gemeinden im nördlichen Burgenland. Sie wird seit ca. 100 Jahren in dieser Gegend zwischen dem Leithagebirge und dem Neusiedler See angebaut. Es handelt sich vermutlich um einen Zufallssämling. Zum ersten Mal pomologisch beschrieben wurde sie von BODO (1936), der sie als eine der besten Markt- und Einsiedekirschen bezeichnet. Einsiedekirschen sind schwarze, halbfeste bis feste Knorpelkirschen, deren Früchte sich insbesondere für die Verarbeitung zu Marmelade, Kompott oder Saft eignen.

Der Anbau von Kirschen in der Leithaberg Region reicht bis ins 18. Jh. zurück. Nährstoffreiche Böden und das pannonsiche Klima ermöglichten die Entwicklung zahlreicher Lokalsorten, die weltweit nur hier zu finden sind. Traditionell werden die Kirschbäume in Weingärten oder auf Ackerflächen im sehr arbeitsintensiven Halb- oder Hochstammobstbau kultiviert. Einst gab es ca. 50.000 Kirschbäume in den fünf Anbaugemeinden. Heute sind von mancher Sorte nur noch wenige Bäume übrig und der Bestand wurde auf circa 5.000 reduziert. Die alten Bäume fielen der modernen Landwirtschaftstechnik zum Opfer. Acht besonders bedrohte Sorten werden durch Initiativen wie Slow Food am Leben erhalten. Slow Food ist eine Philosophie. Diese besagt, dass das Essen ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens ist  und dass die Lebensqualität mit einer gesunden, guten und abwechslungsreichen Ernährung zusammenhängt. Daher sollten wir auch den Wert unserer Lebensmittel erkennen und schätzen. Das Ziel von Slow Food ist es, weltweit die Artenvielfalt, die Biodiversität und die Vielfalt im Lebensmittelbereich zu erhalten. Durch bewusste Kaufentscheidungen kann jeder von uns ein Zeichen setzen und zu regionalen, saisonalen Produkten greifen. Acht besondere Kirschraritäten aus unserer Region sind nun seit geraumer Zeit Passagiere der Slow Food-„Arche des Geschmacks”, einem Projekt zur Förderung der Biodiversität. Dabei werden fast vergessene traditionelle und vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten wiederentdeckt und weltweit dokumentiert. Mit der „Arche des Geschmacks“ will Slow Food dazu beitragen, dass die Vielfalt dieser Erde für die nächsten Generationen geschützt und bewahrt wird. Einige Produkte der „Arche“ werden als sogenannte „Presidio Produkte” (Presidi = ital. für Schutzräume) besonders gefördert. Weltweit gibt es derzeit 500 Presidi, davon sind lediglich 7 in Österreich vertreten. Die Leithaberger Edelkirsche ist seit Juni 2016 eines dieser besonders schätzenswerten Presidio-Produkte. Der Verein Leithaberger Edelkirsche hat sich mit der Gründung des Slow Food Presidios das Ziel gesetzt, die Erhaltung der alten Kirschbaumbestände und Vermehrung der alten Sorten weiter zu fördern. Im Joiser Haniftal wurden vor 80 Jahren viele Bäume der Joiser Einsiedekirsche ausgepflanzt.Die Früchte wurden damals sehr geschätzt und zu guten Preisen an Händler verkauft, die unter anderem auch Wien mit Frischkirschen versorgten. Auch heute stehen hier noch einige sehr alte, mittlerweile aber teilweise stark beschädigte Bäume. Nach heutigen Maßstäben ist die Joiser Einsiedekirsche für den Frischmarkt zu kleinfruchtig. Als Verarbeitungskirsche wird sie jedoch nach wie vor sehr geschätzt. Im Vergleich zu vielen hellroten modernen Kirschsorten ist das gehaltvolle Fruchtfleisch sehr reich an Polyphenolen. Dazu gehören auch die farbgebenden Anthocyane, die aufgrund ihrer antioxidativen Wirkung als gesundheitsfördernd gelten. Die Frucht reift in der 3. Kirschwoche (ca. um den 9. Juni). Sie hat eine tiefschwarze Fruchthaut zur Vollreife, eine stumpf herzförmige Fruchtform sowie tiefschwarzes, halbfestes Fruchtfleisch mit tintenhaft färbendem Saft. Der Geschmack ist angenehm gewürzt und durch leichte Säure gehoben. Vor der Vollreife schmeckt die Frucht leicht bitter.

Promologische Beschreibung